Was der Taupunkt mit Schimmel an der Wand zu tun hat
Der Taupunkt ist die Temperatur, bei der Luft mit einer bestimmten Feuchte gerade so viel Wasserdampf enthält, wie sie maximal aufnehmen kann. Kühlt Luft unter diese Temperatur ab, kondensiert der überschüssige Wasserdampf – an Fenstern sichtbar als Beschlag, an einer kalten Außenwand unsichtbar als Feuchtefilm auf der Oberfläche. Genau diesen Effekt bildet der Rechner oben nach: Er berechnet den Taupunkt deiner Raumluft und vergleicht ihn mit der tatsächlichen Temperatur an der gewählten Stelle der Außenwand.
Taupunkt berechnen: die Formel dahinter
Der Taupunkt wird über die Magnus-Formel (Koeffizienten nach Sonntag) berechnet, dieselbe Formel, mit der auch der Deutsche Wetterdienst arbeitet: Sättigungsdampfdruck ps(θ) = 6,112 hPa · exp(17,62 · θ / (243,12 + θ)) über Wasser. Aus relativer Feuchte und Lufttemperatur ergibt sich daraus der Taupunkt; die absolute Feuchte in Gramm pro Kubikmeter folgt aus AF = 216,7 · Dampfdruck [hPa] / Temperatur [Kelvin]. Bei 20 Grad Celsius und 50 Prozent relativer Feuchte liegt der Taupunkt bei rund 9,3 Grad – kühlt die Luft an einer Stelle unter diesen Wert ab, bildet sich dort Tauwasser.
Taupunkt berechnen an der Wand: warum die Oberfläche kälter ist als der Raum
Eine Außenwand ist innen nie so warm wie die Raumluft, weil sie nach außen Wärme abgibt. Wie stark die Oberfläche auskühlt, hängt vom Wärmedurchgangskoeffizienten (U-Wert) der Wand ab und wird über den Temperaturfaktor fRsi = 1 − U · Rsi beschrieben (Rsi = 0,25 m²K/W). Nach DIN 4108-2 gilt ein Mindestwert von fRsi = 0,70 als unkritisch: Bei 20 Grad innen und minus 5 Grad außen ergibt das rechnerisch eine Grenztemperatur von 12,6 Grad an der Wand. Eine ungedämmte Altbauwand mit U ≈ 1,5 liegt mit fRsi ≈ 0,625 unter diesem Mindeststandard und kühlt entsprechend stärker aus, eine sanierte Wand mit U ≈ 0,24 (GEG-Mindestanforderung) erreicht rund 0,94, eine Neubauwand mit U ≈ 0,20 etwa 0,95.
Ab wann wird es kritisch?
Nach dem Schimmelleitfaden 2024 des Umweltbundesamts genügt für viele Schimmelpilzarten schon eine relative Luftfeuchte von 70 bis 80 Prozent direkt an der Materialoberfläche, wenn das über längere Zeit anhält; ab 80 Prozent erreichen fast alle innenraumrelevanten Arten ihre Wachstumsbedingungen. Eine genaue Zeitangabe in Tagen nennt der Leitfaden nicht, deshalb zeigt der Rechner einen Grenz- und einen Gefahrenbereich statt einer scheinbar exakten Frist. Sinkt die Wandtemperatur unter den Taupunkt der Raumluft, entsteht direkt Tauwasser – das ist der kritischste Fall, weil die Wand dann nass wird, nicht nur feucht.
Wichtig für die Einordnung: Wärmebrücken wie Außenwandecken oder Flächen hinter Möbeln und Vorhängen kühlen durch behinderte Konvektion zusätzlich aus. Das Umweltbundesamt empfiehlt deshalb, Möbel und Einbauschränke an unzureichend gedämmten Außenwänden einige Zentimeter von der Wand abzurücken.
Und wenn du jetzt lüftest?
Wie viel eine Lüftungsart tatsächlich bringt, hängt vom Luftwechsel ab. Für Stoß-, Quer- und Kipplüften gibt es dazu allerdings keine einzelne verlässliche Kennzahl, sondern nur Sekundärquellen mit teils abweichenden Spannen – der Rechner zeigt deshalb bewusst Bandbreiten statt einzelner Zahlen: Stoßlüften etwa 9 bis 15 Luftwechsel pro Stunde, Querlüften (gegenüberliegende Fenster weit geöffnet) bis etwa 40, ein gekipptes Fenster dagegen nur 0,8 bis 4. Das Umweltbundesamt rät ausdrücklich von langem Kippen ab: Die Wand entlang der Fensterlaibung kühlt dabei stark aus, während kaum Luft ausgetauscht wird – an genau dieser Stelle kondensiert dann Feuchte, und die Heizkosten steigen zusätzlich. Empfohlene Stoßlüftungsdauer je nach Jahreszeit: im Winter etwa 5 Minuten, im März und November etwa 10, im April und September etwa 15, im Mai und Oktober etwa 20 und im Sommer 25 bis 30 Minuten, jeweils mehrmals täglich.
Sommer und Keller: wenn Lüften die Feuchte erst hineinbringt
Im Keller kann Lüften im Sommer das Gegenteil bewirken. Warme Luft trägt mehr Wasserdampf als kalte – kühlt sie an kühlen Kellerwänden ab, wird dieser Dampf freigesetzt, und die Luftfeuchte im Keller steigt statt zu sinken, im schlimmsten Fall bis zur Kondensation (Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz). Nur wenn die absolute Luftfeuchte draußen niedriger ist als drinnen, wird die Kellerluft durch Lüften tatsächlich trockener – meist ist das in kühlen Nacht- oder frühen Morgenstunden der Fall, nicht am warmen Nachmittag. Genau diesen Fall prüft der Rechner mit: Ist die Außenluft feuchter, warnt er, statt eine Verbesserung vorzugaukeln.
Was der Rechner nicht kann
Das Modell rechnet stationär: Es unterstellt, dass Wand und Luft sofort im Gleichgewicht sind, ohne Wärmespeicherung. In Wirklichkeit reagiert eine massive Wand träger, und beim Lüften kühlt sie im Modell nicht zusätzlich aus – ein Effekt, der in der Praxis über Stunden eine Rolle spielt. Ist es draußen wärmer als drinnen, passt das Modell für die Außenwand selbst nicht mehr; in diesem Fall verlagert sich die Aussage auf die Lüftungsfrage oben. Eine Kellerwand mit direktem Erdkontakt ist ebenfalls nicht eigens abgebildet. Die U-Werte der Wandtypen sind zudem Beispiele aus der Fachliteratur, keine für dein Haus gemessenen Werte – für eine verlässliche Einschätzung deiner eigenen Wand bleibt eine Prüfung vor Ort durch einen Fachbetrieb der sicherere Weg.
Woher die absolute Feuchte kommt
Neben dem Taupunkt zeigt der Rechner auch die absolute Feuchte in Gramm Wasserdampf pro Kubikmeter Luft – das ist die Größe, mit der sich Innen- und Außenluft direkt vergleichen lassen, egal wie warm sie gerade sind. Sie berechnet sich aus AF = 216,7 · Dampfdruck [hPa] geteilt durch die Temperatur in Kelvin, wobei sich der Faktor 216,7 aus der idealen Gasgleichung für Wasserdampf ergibt. Genau dieser Vergleich entscheidet beim Lüften, ob die hereinströmende Luft die Raumluft tatsächlich trockener macht oder nicht.
Was ein Drei-Personen-Haushalt an Feuchte produziert
Auch ohne zu lüften, kommt laufend Feuchtigkeit in die Raumluft: Nach dem Schimmelleitfaden 2024 des Umweltbundesamts gibt allein ein Mensch bei leichter Aktivität 30 bis 40 Gramm Wasser pro Stunde ab, dazu kommen Kochen und Duschen mit je rund 270 Gramm pro Tag und Person sowie geschleuderte Wäsche mit 50 bis 200 Gramm pro Stunde. In Summe gibt ein Drei-Personen-Haushalt dadurch täglich etwa 6 bis 12 Liter Wasser an die Raumluft ab – Feuchtigkeit, die ohne regelmäßiges Lüften in der Wohnung bleibt und sich an den kältesten Stellen der Außenwände niederschlägt.
Häufige Fragen
Wie berechnet man den Taupunkt?
Der Taupunkt ergibt sich aus Lufttemperatur und relativer Feuchte über die Magnus-Formel, mit der auch der Deutsche Wetterdienst rechnet. Bei 20 Grad Celsius und 50 Prozent relativer Feuchte liegt er bei rund 9,3 Grad. Kühlt Luft unter diese Temperatur ab, kondensiert der überschüssige Wasserdampf als Tauwasser.
Ab welcher Luftfeuchtigkeit an der Wand entsteht Schimmel?
Nach dem Schimmelleitfaden 2024 des Umweltbundesamts genügen für viele Arten schon 70 bis 80 Prozent relative Feuchte direkt an der Oberfläche, wenn das länger anhält. Ab über 80 Prozent erreichen fast alle innenraumrelevanten Schimmelpilzarten ihre Wachstumsbedingungen. Eine genaue Zeitdauer in Tagen ist dafür nicht belegt.
Was bedeutet der fRsi-Wert 0,70 nach DIN 4108-2?
Der Temperaturfaktor fRsi beschreibt, wie stark eine Wandoberfläche gegenüber der Raumluft auskühlt. Ein Wert von mindestens 0,70 gilt nach DIN 4108-2 als unkritisch; bei 20 Grad innen und minus 5 Grad außen entspricht das einer Grenztemperatur von 12,6 Grad an der Wand. Darunter steigt das Schimmelrisiko.
Wie lange sollte ich im Winter stoßlüften?
Im Winter reichen laut Umweltbundesamt und co2online meist etwa 5 Minuten mit weit geöffnetem Fenster, mehrmals am Tag. Im Frühjahr und Herbst sind es eher 10 bis 15 Minuten, im Sommer 25 bis 30 Minuten – die Luft tauscht sich dann langsamer aus.
Warum sollte ich den Keller im Sommer nicht einfach lüften?
Weil warme Sommerluft mehr Wasserdampf enthält als die kühlere Luft im Keller. Kühlt sie an den Kellerwänden ab, wird dieser Dampf freigesetzt, und die Feuchte im Keller steigt statt zu sinken. Besser in kühlen Nacht- oder frühen Morgenstunden lüften, wenn die Außenluft weniger Wasser enthält.
Quellen (7)
Wikipedia: Taupunkt · Umweltbundesamt: Schimmelleitfaden 2024 (PDF) · Umweltbundesamt: Wie lüfte ich richtig? · co2online: Richtig lüften · ISO-Chemie: Temperaturfaktor fRsi · BAFA: Formelsammlung für die Qualifikationsprüfung Energieberatung (PDF) · Hessen VerbraucherFenster: Kellerlüftung im Sommer ist Vorsicht geboten



